„Warten auf Godot“ oder „Wann kommt mein Paket?“

Sie erinnern sich an meinen Versuch, ein Paket abzuholen, das der DHL-Bote nicht am von mir gewünschten „Ablageort“ abgelegt, sondern direkt bei der Postfiliale abgegeben hat? 

Die DHL ist ja sehr auf gute Kundenpflege bedacht. Es gibt alle möglichen Formulare, mit denen man sich – vorausgesetzt, man hat sich vorher mit einem noch anzulegenden Account angemeldet – seine Pakete zu allen möglichen Wunschorten schicken lassen kann: die Nachbarn, ein selbst zu bestimmender Ablageort auf dem Grundstück, die Paketstation oder ein ganz anderer Termin. Aber bis dahin ist es ein sehr, sehr weiter Weg.

Wie geht aber nun die Geschichte (m)eines Pakets? Ab dem Moment, in dem man beim Onlinedealer seines Vertrauens auf „Kaufen“ geklickt hat, beginnt eine gefühlt riesige Maschinerie anzulaufen. Man bekommt eine Bestellbestätigung und wird stündlich darüber informiert, wer sich gerade an der Bestellung zu schaffen macht.

Dann haben die Mindestlöhner alles eingepackt, und die Bestellung wird an einen Paketdienstleister übergeben. Das schreibt einem dann in einer letzten Mail der Verkäufer und nennt auch gleich die Paketverfolgungsnummer.

Kurz darauf bekommt man dann Post von beispielsweise DHL, die mitteilen, dass sich die Bestellung jetzt in ihrer Obhut befindet. Hier besteht dann auch die Möglichkeit, aus einer der oben genannten Optionen zu wählen. Je nach Bearbeitungsstatus bleiben manchmal auch zwei übrig.

In der nächsten Mail wird man über Tag und Zeitraum der Lieferung informiert. In meinem Fall soll ich mein Paket zwischen 13:00 und 16:00 Uhr in Empfang nehmen können. Das ist eine gute Zeit für Berufstätige, auch für berufstätige Nachbarn, die deswegen als Abnehmer nicht in Frage kommen.

Jetzt ist es 15:05 Uhr. Ich bin um 12:56 Uhr vom Laufen herangehetzt und habe noch nicht geduscht. Erfahrungsgemäß klingeln die Jungs ja immer dann, wenn man unter der Dusche steht, Shampoo im Haar und eine Zahnbürste im Mund hat.

Türklopfer, Tür, Türgriff, Klopfer
Falls ein Paketbote mitliest: Dies ist ein Türklopfer. So einen haben wir an unserer Tür.

Für den Fall, dass jemand kommt, der noch nie hier war, habe ich extra einen Zettel an die Tür gehängt: „Klingel defekt. Bitte den Klopfer betätigen! Danke!“ und einen Pfeil gemalt, der zum beschriebenen Türklopfer zeigt. 

Sicherheitshalber habe ich auch noch einmal unsere Namen leserlich auf den Briefkasten gemalt; die Namensschilder waren doch schon stark verblasst.

Ich sitze also seit zwei Stunden an meinem Schreibtisch, habe das Fenster geöffnet, um das Paketauto auch ja zu hören, wenn es denn noch kommt und der Paketbote eben nicht klopft, weil er Angst wegen des Hundewarnschildes hat. Dabei stinke ich still vor mich hin. Wenigstens habe ich schon etwas gegessen. 

Staubsaugen und Wäscheaufhängen verschiebe ich besser auch auf später; ich könnte das Paketauto überhören.

Als beim letzten Mal das Paket nicht am angegebenen Ort abgelegt wurde, habe ich mich per Kontaktformular bei der DHL beschwert. Das war lustig! Nachdem ich mich durch diverse Seiten geklickt hatte, landete ich auf dem entsprechenden Formular. Ich schilderte meine Beschwerde und erhielt im Anschluss viele Mails vom Kundenservice. In der ersten teilte man mir mit, dass meine Mail angekommen sei und schnellstmöglich bearbeitet würde. In der zweiten wurde ich darüber informiert, dass viele Anfragen zu bearbeiten wären und ich bitte etwas Geduld haben solle. Aber man könne mir schon einmal ein Ticket zuteilen. Die dritte Mail erhielt ich ca. zwei Wochen später. Jetzt würde man sich aber auch wirklich um mein Anliegen kümmern. Noch ein paar Tage später schrieb mir Frau X sinngemäß folgendes: „Vielen Dank für Ihre Anfrage. Es tut uns leid, dass nicht alles zu ihrer Zufriedenheit erledigt wurde. Wir freuen uns über jedes Feedback unserer Kunden.“

Jetzt ist es 15:20 Uhr, ich stinke immer noch, und ein gelbes Auto mit roter Schrift ist nicht in Sicht. Ich bin inzwischen etwas ungehalten. Wenn ich mich ganz weit aus dem Fenster lehne, sollte ich beim Zähneputzen die Straße im Blick behalten können.

15:43 Uhr. Ich habe mir die Zähne geputzt, die Hunde gebürstet, den Müll rausgetragen, eine Fernreise gebucht, meine Memoiren geschrieben und eine Tötungsmaschine erfunden. Außerdem hat das Gefühl des Ungehaltenseins in der Zwischenzeit eine deutliche Steigerung erfahren. Wenn ich ganz schnell mit dem Biomüll zum Komposthaufen renne, sollte ich wieder am Zaun sein, bevor Frieda den Paketboten anfällt. 

Frieda mit einer Socke, die dem Paketboten gehören könnte.

Klar, die Paketboten können ja nichts dafür! Die werden ja von irgendwelchen Computerprogrammen, die von irgendwelchen Bürohasen bedient werden, von A nach B gejagt. Und wenn so ein Computer sagt, dass das Paket um 16:00 Uhr da ist, hat er ja keinerlei Information über die aktuelle Verkehrslage. 

Drohnen. Drohnen sind die Lösung. Die könnten den Kram dann einfach abwerfen und gleich noch ein paar Fotos von den nackten Hausbewohnern fürs Internet schießen.

15:54 Uhr. Ich habe einen steifen Nacken, bin stinkwütend und werde nie wieder etwas im Internet bestellen! Großes Indianerehrenwort, dreimal geschworen und nicht gekreuzt; ich kaufe jetzt alle meine Sachen direkt vor Ort. Und was es da nicht gibt, will ich auch nicht haben.

Aber jetzt mache ich mich besser erneut mit den Öffnungszeiten der hiesigen Postfiliale vertraut; ich verwette nämlich meinen Hintern, der mir sehr viel wert ist, darauf, dass dieses Mistpaket dort landen wird.

15:57 Uhr. Die Nachbarn von gegenüber bekommen gerade ein Paket. Von Hermes.

16:35 Uhr. Der Garten ist winterfest. Godot ist nicht erschienen. Die DHL-Sendungsverfolgung hat mich automatisch ausgeloggt. 

Ich logge mich wieder ein und lese: 

„Status am Di, 24.10.17 11:05 Uhr

Die Sendung wurde in das Zustellfahrzeug geladen.

Nächster Schritt

Die Sendung wird dem Empfänger voraussichtlich heute zugestellt.“

2 Kommentare zu „„Warten auf Godot“ oder „Wann kommt mein Paket?“

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