Adventskalender 10. Türchen: Aufstand der Götter

Es war der letzte lange Samstag vor Weihnachten. Die Menschen reihten sich in die langen Schlangen vor den Parkhäusern ein, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Man schimpfte auf die Volltrottel vor und neben sich, teilte Befindlichkeit, Fotos und Rezeptideen bei Instagram, Facebook und Twitter und kramte nach Kleingeld für eventuell auftauchende Straßenmusiker oder Bettler. Es war ein geschäftiges Treiben, Glitzer lag auf den Auslagen und Glühweinduft in der Luft.

Auf einmal teilte sich jedoch mit Blitz und Donner der Himmel, und eine ganze Reihe von riesengroßen, seltsamen Gestalten erschien.

„Ich bin der Herr, euer Gott, und ich sage euch: Hört auf, sinnlosen Kram zu kaufen! Kümmert euch lieber um eure Nächsten, statt den Kapitalisten noch mehr Geld in den Rachen zu werfen!“ donnerte ein älterer, weißhaariger Herr mit langem Bart.

„Ich bin Allah, der einzige und wahre Gott! Glaubt ihr wirklich, ich hätte Mohammed diese ganzen Suren diktiert, damit ihr jetzt shoppen geht? Tragt Burka oder Minirock – ist mir egal! Aber betet gefälligst in der Moschee und helft den Armen!“ Allah sah Gott ein wenig ähnlich; allerdings trug er Turban.

Dann schimpfte ein kleiner, dicker Mann mit Glatze und rundem Gesicht los: „Von Weihnachtsgeschenken war nie die Rede, so wahr mein Name Buddha ist! Ins Nirwana sollt ihr einziehen, nicht in die Shoppingcenter! Bescheiden sollt ihr sein und weltlichen Besitz ablehnen! Wäre ich nicht friedliebend, ich würde euch alle mit dem Blitz erschlagen!“

Kaum hatte Buddha ausgesprochen, sauste ein riesiger Hammer zur Erde und schlug ein tiefes Loch in den Straßenbelag. „Ihr elenden Weicheier! Eure Vorfahren sind noch in Felle gekleidet auf Raubzug ausgegangen! Und was macht ihr? Rennt in Funktionsklamotten umher und tragt statt einer ordentlichen Waffe eine Kreditkarte bei euch.“ Thor wandte sich grollend ab und schaute sehnsüchtig nach Walhalla, wo eine Horde Wikinger mit Met auf ihn wartete.

Zuletzt trat eine Gruppe von Frauen auf, gekleidet in weiße Tuniken und mit Apfel, Armbrust und Eule bewaffnet. „Wir, Pallas Athene, Aphrodite und Artemis sind die Abgesandten des griechischen Götterkollektivs und sprechen auch im Namen der römischen KollegInnen. Wir verurteilen euer Tun auf das Schärfste und fordern euch auf, sofort mit dem Einkaufen aufzuhören, neue Tempel zu bauen und uns wieder anzubeten. Bereits gekaufte Geschenke sind uns als Opfergaben darzubringen.“

Die Menschen unten auf der Straße starrten mit weit geöffneten Mündern zum Himmel. „Ob das die neue Netflix-Werbung ist?“ fragte eine junge Frau. „Nein, ich glaube, Amazon hat zur weihnachtlichen Großoffensive geblasen. Das sind doch alles Hologramme.“ sagte ein anderer. Einige wenige waren auf die Knie gefallen und sagten mit gefalteten Händen Werbesprüche auf.

Die Götter und Göttinnen tuschelten miteinander. Einige weinten, andere grollten vor Zorn. „Das hat doch alles keinen Sinn!“ sagte Gott, der Allmächtige. „Lasst uns Sintflut machen.“ „Dürfen wir vorher ein paar Blitze schleudern?“ fragten Zeus und Odin aus dem Off. „Ach, ist doch auch schon egal.“ grummelte Allah. „Ich schnappe mir jetzt ein paar Jungfrauen und verschwinde.“ Die anderen nickten zustimmend. „Weltuntergang?“ jubelten Ares und Poseidon. „Jep.“ antwortete der Götterchor.

Und so geschah es.

Türchen zu.

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