Warum es gut ist, dass der Rest meines Lebens genau jetzt beginnt

Liebe Leserin, lieber Leser!

Da bin ich schon wieder. Hatte ich ja versprochen. Heute habe ich es ein bisschen philosophisch; das passiert in meinem Alter von Zeit zu Zeit.

Hatte ich Ihnen schon einmal erzählt, dass ich jedes Jahr eine Trauerrede schreibe? Für meine eigene Trauerfeier? Das hat einmal den Grund, dass ich schon zu viele schlechte Trauerreden gehört habe (die waren meistens von einem Pfarrer, der die Verstorbenen überhaupt nicht kannte und sich irgendeinen nicht passenden Bibelkram aus der Tasche geleiert hat). Zum anderen möchte ich mir mindestens einmal im Jahr bewusst machen, was am Ende meines Lebens herausgekommen sein soll.

Es gibt da die kluge Anmerkung, dass wohl noch niemand auf dem Sterbebett darüber geklagt hat, nicht genug gearbeitet und nicht alle seine Mails gelesen zu haben. Ist also unwahrscheinlich, dass ich das wollen könnte. Aber was will ich dann?

Interessant ist, dass ich ziemlich genau weiß, was ich nicht will: Abends ins Bett gehen mit dem Gedanken, aus diesem Tag nicht alles herausgelebt zu haben, was er zu bieten hatte. Das Frollein Frieda nicht oft genug gestreichelt zu haben. Nicht lange genug an der frischen Luft gewesen zu sein. Mist zu essen, statt mir die Mühe zu machen, etwas Nettes zurechtzuschnippeln. Mit Groll herumlaufen gegen Menschen, die gar nicht merken, dass ich ihnen grolle – und die es möglicherweise auch überhaupt nicht interessiert.

Wenn ich sage, was ich nicht will, weiß das Leben aber nicht, was mich glücklich machen könnte. Das ist in etwas so, als würde ich bei Zalando „keine schwarzen Schuhe!“ bestellen. Da könnte alles Mögliche kommen – und das Meiste davon müsste ich unter großem Aufwand zurückschicken. Das klappt aber nur bei Zalando; das Leben nimmt nichts zurück.

Wie soll es also aussehen, dieses Leben? Wie findet es statt, was muss passieren, damit es sich gut anfühlt? Denken wir ab und zu darüber nach, was wir wollen, während wir auf Netflix durch die neuesten Serien scrollen? Malen wir uns manchmal aus, in welche Farben es zukünftig gekleidet sein soll, unser Leben? Wollen wir es bunt, pastellig, schwarzweiß oder lieber in verschiedenen Grautönen?

Ich jedenfalls will Unvorhergesehenes, statt sogar im Supermarkt immer die gleiche Strecke durch die Regale zurückzulegen.

Ich will lachen, weinen, vor die Wand treten, herumbrüllen, trommeln, laut mitsingen (nicht nur, wenn ich Kopfhörer aufhabe). Ich will tanzen, verreisen, mit Frl. Frieda um die Wette rennen, die Welt aus Hundeperspektive betrachten. Ich will leben!

Und ich will mit meinem Leben und meinem Tun die Welt verschönern – nichts weniger. Damit kann, will und werde ich genau heute anfangen.

Wie sagte Harry in „Harry und Sally“ einst so schön: „Ich will, dass der Rest meines Lebens so schnell wie möglich beginnt.“

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