Nahtoderfahrungen einer Heuschrecke oder „Reden Sie mir nicht in meine Träume hinein!“

1:15 Uhr. Mein Tracker behauptet, ich sei wach. Er hat Recht. Ich will aber nicht wach sein! Es ist mitten in der Nacht, ich könnte noch fast zwei Stunden schlafen, statt darüber nachzudenken, wie diese Schramme an das Türschloss meines geliebten alten Mercedes gekommen und ob noch genug Ingwer im Haus ist.

1:25 Uhr. Mir ist heiß. Ich stehe kurz auf und reisse das Fenster auf. Ob der Tracker wohl meine Schritte zum Fenster und wieder zurück als Aktivität zählt oder als REM-Phase?

2:10 Uhr. Heuschrecken gehören auf eine Wiese, ins alte Ägypten oder nach Australien, wo sie zusammen mit ihren Freunden biblische Plagen verursachen. Das ist ihr Job. Auf gar keinen Fall jedoch haben Heuschrecken etwas in einem Café an der dänischen Nordseeküste zu suchen.

Diese wusste das scheinbar nicht und spazierte unter meinem Tisch herum. Ich konnte gerade noch rechtzeitig meinen Fuß heben, um ihre direkte Reise in den Heuschreckenhimmel zu verhindern. Ich nahm die Speisekarte, hielt sie unter den Tisch und forderte das verirrte Tier auf, Platz zu nehmen, auf dass ich sie wenigstens zum nächsten Baum tragen könnte. Es weigerte sich. Ich schob sacht die Karte unter die Heuschrecke, sie hüpfte hoch, landete auf einem liegengebliebenen Strohhalm und kam ins Stolpern.

Haben Sie schon einmal eine Heuschrecke stolpern sehen? Für mich war es auch das erste Mal.

Sie rappelte sich wieder auf und putzte hektisch ihre Hinterbeine. Ich wandte die Aufmerksamkeit wieder meinem unsichtbaren Gesprächspartner zu, der von dem Drama, dass sich direkt vor seinen Füßen abspielte, noch nichts mitbekommen hatte, und mich fragte: „Warum kriechst du unter dem Tisch herum?“
„Ich muss eine Heuschrecke retten.“ antwortete ich.

„Alles in Ordnung bei dir?“
„Bei mir schon, aber bei der Heuschrecke nicht. Sie ist gerade über einen Strohhalm gestolpert.“
„Heuschrecken stolpern nicht.“
„Doch. Ich hab’s genau gesehen.“
„Willst du etwas essen?“ Möglicherweise dachte er, ich hätte Hungerphantasien. Dabei esse ich keine Heuschrecken.

Ich kroch wieder unter den Tisch und hielt Ausschau nach dem Insekt. Sie saß noch immer an der gleichen Stelle, direkt auf dem Strohhalm. Vorsichtig nahm ich diesen auf und trug Strohhalm und Heuschrecke zum einzigen Fleckchen Grün auf dem Platz, einer depressiven Kübelpalme. „Das passt!“ dachte ich und setzte beide ab.

Kurz darauf wechselte die Szene, und die Heuschrecke saß auf meinem Schreibtisch und schnurrte.

„Heuschrecken schnurren nicht!“, finden Sie? Warum sollten sie das nicht tun, wenn sie schon über Strohhalme stolpern und mit depressiven Kübelpalmen anbandeln?

Und reden Sie mir gefälligst nicht in meine Träume hinein!

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