Überfallen vom Alterungsprozess

Vor kurzem las ich beim Friseur einen Artikel über 90jährige Frauen. Genauer gesagt, über mit sich und der Welt zufriedene 90jährige Frauen. Besonders auffallend waren ihre lebendigen Augen und ihr umfassendes Interesse an allen möglichen Themen. Ich fand diese „alten Damen“ sehr attraktiv und war fast ein bisschen neidisch auf deren Ruhe, Weisheit und Lebensfreude.

Seit der Lektüre frage ich mich, was die Lebenserfahrung dieser 90-Jährigen mit meiner Angst vor dem Alterungsprozess im Allgemeinen und frühzeitigem Schrumpel an zu vielen Körperteilen im Besonderen zu tun hat.


Wie ist mein Kampf gegen den an meinen Muskeln und Gelenken nagenden Zeitzahn zu sehen vor dem Hintergrund dieser Frauen, die, wie meine Mutter immer zu sagen pflegte, mit Anstand altern und angesichts der vielen anderen, die mit aufgespritzten Lippen, zu Grimassen verzerrten Botoxgesichtern und auf unnatürliche Weise entstandenen Körbchengrößen daherkommen?

Wo ist das richtige Verhältnis?

Ist jemand über 50 zu alt für eine neue Arbeit oder ein neues Tattoo? Für verwegene Träume? Dürfen wir mit 50+ noch in die Disco, um dort in studentischem Ausdruckstanz nach „Radar Love“ oder „Child in Time“ zu schwelgen? Dürfen wir in unserem Mittelklassewagen headbangen und laut mitsingen, oder ist das nicht mehr altersgemäß?

Wo ist die Grenze zwischen der Angst vor Verfall und dem natürlichen Selbsterhaltungstrieb? Wo ist der Stolz auf die im Leben errungene Weisheit? Und wo die Freude über lachend verdiente Fältchen?
Warum bewundere ich eine 90-Jährige und wünsche mir gleichzeitig einen frühen Tod, damit ich nicht so alt aussehe im geschlossenen Sarg?

Statt einen entspannten Umgang mit mir selbst zu pflegen, vergleiche ich mich mit 30-Jährigen und finde mich scheiße. Den 50. Geburtstag habe ich weder gefeiert noch mich darauf gefreut; er ist mir passiert. Angesichts wohlmeinender Buchgeschenke über Beerdigungsrituale, lustiger Geburtstagskarten und liebevoll verpackter Anti-Falten-Cremes habe ich diesem Tag noch ein Sahnehäubchen aus schlechter Laune aufgesetzt.

Es ist aber auch ein Elend: Ich werde neuerdings von Menschen unter 30 gesiezt, Grundschüler versuchen, mir über die Straße zu helfen, und falls ich mich noch einmal trauen sollte zu flirten, wird mich der von mir Auserkorene wahrscheinlich fragen, ob ich ihn adoptieren will.

Sie werden jetzt vielleicht einwenden, dass auch ein paar Promis mit Haltung altern. Sandra Bullock, Keanu Reeves und Michelle Obama sind 50+. Aber die haben wahrscheinlich auch Heerscharen von Trainern, Ernährungsberatern und lassen heimlich „was machen“.

All das frustriert mich viel zu oft. Trotzdem gebe ich nicht auf!

Meine erste Maßnahme für heute: Ich mache jetzt meine „Rock-gegen-Rheuma“-Playlist an und tue so, als wäre ich 43.

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