Der systemische Ansatz in der Backstube – und was das mit Ihren Gedanken zu den Mitmenschen zu tun hat.

Feierabend. Ich verlasse die Backstube und den verführerischen Duft, der mich auch nach inzwischen drei Jahren immer noch an den Rand meiner Willenskraft – und sehr oft darüber hinaus – führt. Dabei denke ich nach. Über meine lieben Kollegen, die Laufwege, die sie in der Backstube zurücklegen und was das alles mit therapeutischen Ansätzen zu tun haben könnte.

Der Inhalt meines Lieferwagens… Wenn die Brötchen sich gut benehmen, dürfen sie sogar auf den Beifahrersitz.

In der Regel hat mein Gehirn noch Kapazitäten frei für Wahrnehmung, während ich meinen Lieferwagen be- und entlade. Das kann es, weil ich eine Frau und Multiscannerin bin und deswegen meine Umgebung wahrnehmen kann, obwohl ich gerade ganz etwas Anderes tue. Und weil es das kann, denkt es nach.

Geschehnisse in der Backstube

Nehmen wir an, es geht jemand von außen an der Backstube vorbei und nimmt die Stimmen wahr, die daraus hervordringen. Nehmen wir weiter an, dass dieser Jemand dann auch einen Blick hineinwirft. Dann würde er Folgendes wahrnehmen: Kreuz und quer und ohne einen erkennbaren Plan durch die Halle rennende Personen, die schreien. Hätte dieser Beobachter keinen Blick für das Ganze, würde er denken, die Menschen da drin hätten einen an der Waffel.

Der systemische Ansatz und die Backstube

Und das beschreibt ziemlich genau den für Beratung und Therapie so wichtigen systemischen Ansatz: Wenn Sie sich nur einen Ausschnitt von dem, was eine Person ausmacht, ansehen, könnten Sie sehr schnell sehr falsche Schlüsse ziehen.

Gehen wir zurück in die Backstube. Denken Sie sich die Gerätschaften, Backöfen, Brote, Brötchen usw. weg und stellen Sie sich nur die herumrennenden, laut rufenden Bäcker vor. Na? Da glauben Sie doch garantiert, einen Haufen Irrer vor sich zu sehen, oder?

Das Tun gewinnt also erst einen Sinn, wenn Sie alles betrachten. Denn dann sehen Sie erst, dass jeder Einzelne genau weiß, was er zu tun hat. Für „meine“ Backstube bedeutet das: Lieblingskollege Nr. 1 macht Tortenböden. Dafür muss er zwischen seinem Arbeitsbereich und dem Backofen hin- und herrennen. Lieblingskollege Nr. 2 setzt den Sauerteig für das Brot des nächsten Tages an. Der muss in einer ordentlichen Bäckerei nämlich 24 Stunden ruhen. Der Kollege schleppt also Teig und Schüsseln durch die Gegend. Lieblingskollege Nr. 3 schneidet Kuchen in Streifen und legt ihn auf große Bleche, damit ich ihn dann chauffieren kann. Den Kuchen, nicht den Kollegen! Alle sind also mit etwas beschäftigt, was im Zusammenhang gesehen absolut sinnvoll ist.

Dazwischen ich als so eine Art freie Radikale, die Schmand auf den Kuchen streicht, Körbe und Bleche herumschleppt, die Spülmaschine ein- und ausräumt, Brötchen verkauft… Und dabei auch kreuz und quer durch die Backstube turnt.

Warum erzähle ich Ihnen das alles?

Weil ich mir etwas von Ihnen wünsche: Wenn Sie sich das nächste Mal über jemanden aufregen, ihn oder sie blöd finden oder das Verhalten eines Menschen so überhaupt nicht verstehen können, denken Sie doch einmal an unsere Backstube. Vielleicht kommen Sie dann zu der Erkenntnis, dass möglicherweise das, was jemand tut, im Zusammenhang gesehen sinnvoll ist. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie nur das System nicht gesehen haben, das hinter dem Tun steckt. Und vielleicht können Sie sich sogar dem Gedanken öffnen, dass in dem System, in dem jemand handelt, sein Handeln sehr klug und vernünftig ist.

Das gilt übrigens sogar für Politiker/innen. In ihrem System (Machterhalt, Wiederwahl, Fortsetzung der Karriere nach der politischen Laufbahn) tun sie genau das Richtige. Aber das nur am Rande…

Wenn Sie sich also dabei ertappen, jemanden bekloppt zu finden, sagen Sie sich: „Das, was er tut, hat ein System. Ich kenne es nur nicht.“ Und dann haben sie ihn lieb. Oder ignorieren sie ihn. Über ihn aufregen brauchen Sie sich dann nicht mehr.

Das Ergebnis: Toleranz – und bestenfalls sogar Verständnis für die anderen Bewohner/innen dieses Planeten.

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